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1938Als das „urkundlich älteste Bauerngeschlecht des Kreises Demmin“ wird die Wildberger Familie Dreyer im Jahr 1936 in Jakobshagen (Hinterpommern) geehrt. Aus diesem Anlass veröffentlichte das „Demminer Tageblatt“ am 13. März 1938 einen Artikel, den uns die Familie Dreyer zur Verfügung gestellt hat. Neben der familiengeschichtlichen Bedeutung erfasst dieser Beitrag wichtige Ergänzungen zur Ortsgeschichte Wildbergs, die den bisherigen Kenntnisstand in wesentlichen Punkten bereichern. Die relevanten Passagen aus dem Artikel werden im folgenden wiedergegeben und mit kursiv gesetzten Kommentaren versehen:

„Bis in das Jahr 1624 reichen die Spuren des Dreyerschen Geschlechts in Wildberg zurück. Bereits im Jahr 1654 ist Hans Dreyer auf dem jetzigen Hof nachzuweisen. Die im Staatsarchiv zu Stettin aufbewahrte ‚Deskription und Beschreibung der fürstlich-pommerschen Patrimonalgüter und Ämter“ benennt für Wildberg außer anderen: Hans Dreyer hat eine Landhufe und gibt Pacht 2 Reichsthaler…“

Ein Hans Dreyer ist auch als Eigentümer des Schultzenhofs auf der Kartenskizze aus dem Kirchenbuch (siehe Zeitfenster 1684) vermerkt – ein weiterer Hinweis darauf, dass die Skizze in ihrer ursprünglichen Fassung deutlich früher entstanden ist und wahrscheinlich aus dem verloren gegangenen ersten Kirchenbuch stammt.

„Der Dreißigjährige Krieg hatte die Familie fast ausgetilgt. Berichtet doch die Wildberger Familienanzeige, dass durch den Krieg alle Bevölkerung ausgetilgt wurde, nur ein einziger Mensch, ein Dreyer war auf dem Hof zurückgeblieben. Als Mutter und Kind mangels Geburtshelferin starben, trug er beide zum Friedhof, legte sie auf die noch vorhandenen Eichenbalken im Turmteil und rannte zum Turm hinauf, um Umschau zu halten nach den Feinden. Kaum war er mit der Bestattung fertig, da nahte die Wallensteinsche Soldateska und ließ sich von neuem in dem in Asche liegenden und ausgebrannten Dorfe nieder. Die Not ist so groß, dass die an den Traualtar tretenden Paare nicht die Ringe beschaffen konnten, sodass die Kirche mit ei- sernen aushalf, wie sie noch in Reinberg aufbewahrt werden.“

 Familienbild Dreyer: ganz links Wilhelm Dreyer, Vierter von links Emil Dreyer
Familienbild Dreyer: ganz links Wilhelm Dreyer, Vierter von links Emil Dreyer

Zwar wird auf den Wildberger Familienanzeiger verwiesen, aber diese tragische Episode dürfte doch wohl auf mündlicher Überlieferung beruhen. Der Kern der Geschichte ist sicher zutreffend: Ein junger Mann aus der Dreyer-Familie harrt bei der Mutter aus, die ein Kind erwartet. Mutter und Kind sterben bei der Geburt, weil keine Helferin verfügbar war. Der Sohn begräbt die Mutter und sein Schwesterchen unter den beschriebenen Umständen. Wenn es sich bei den erwähnten Truppen um Wallensteinsche Soldateska handelte, dann hat sich dies im Zeitraum von 1628 (im November dieses Jahres erreichen die Kriegshandlungen erstmals Vorpommern) bis 1634 (Wallenstein wird ermordet) zugetragen. Kaum zutreffend ist die Annahme, der Krieg habe alle Bevölkerung „ausgetilgt“. In unserem heutigen Verständnis bedeutet das Wort das vollständige Aussterben der Bevölkerung. Was tatsächlich geschehen ist, kommt in der Formulierung „…nur ein einziger Mensch…war auf dem Hof zurückgeblieben“ zum Ausdruck: Die sicherlich dezimierte Bevölkerung hatte wohl ihren weitgehend zerstörten Ort verlassen und entweder in den damals noch existierenden ausgedehnten Wäldern oder in den befestigten Städten Schutz gesucht. Die hochschwangere Mutter Dreyer war offenbar nicht in der Lage, diese Flucht mitzumachen. Wäre tatsächlich die gesamte Bevölkerung umgekommen, so ließe sich nicht erklären, weshalb wenige Jahre nach Kriegsende bereits die meisten Hofstellen wieder besetzt waren. Zahlreichen Zuzug aus anderen Regionen Deutschlands kann es schwerlich gegeben haben, nachdem ja fast überall ein starker Bevölkerungsrückgang durch Kriegseinwirkungen, Hunger und Seuchen eingetreten war.

„Zu dem jetzigen… Dreyerschen Hof… gehörten früher auch Schmiede und Windmühle. Doch längst sind die Wahrzeichen des Dorfes (die Windmühlen) aus dem Dorfbild verschwunden, die letzte im Jahr 1934. Dass die Dreyers zu den führenden Männern des Dorfes gehörten, zeigt ihre häufige Schultzeneigenschaft… (nach dem Staatsarchiv):

  • 1738 – 1744 Hans Christian Dreyer
  • 1759 – 1786 Heinrich Dreyer
  • 1786 – 1798 Christian Christoph Dreyer
  • 1798 – 1810 Christoph Dreyer „

Ergänzt werden kann diese Reihe bereits durch den ersten namentlich genannten Dreyer im 17. Jahrhundert – Hans Dreyer saß 1654 auf dem Schultzenhof und hatte sicher dieses Amt inne. Auch im 19. Jahrhundert stellten die Dreyer wohl häufig den Dorfschultzen – so u. a. mit Christoph Friedrich Dreyer (1769 – 1835), der in der Zeit der Vorwerks-Übernahme (siehe Zeitfenster 1817) in dieser Funktion benannt wird. Der letzte in der Reihe war der 1936 verstorbene Emil Dreyer, der während der Zeit des 1. Weltkriegs dieses Amt versah.

Ilse Dreyer und Sohn, Portal mit der Inschrift “ Anno 1840″

„Fünf Jahre vor seinem Tode nahm Christoph Friedrich Dreyer (1769-1835) eine Instandsetzung seiner Wirtschaftsgebäude vor… Sein Sohn Ernst Christian Friedrich (1807 – 1873) gibt dem Geschlecht, begünstigt durch die Segnungen des Friedens, einen neuen Hausbau. Das Jahrhunderte alte strohgedeckte Bauernhaus, es stand mit dem Giebel nach der Strasse, verschwindet, ein noch heute stehendes wird errichtet. Über der Eingangstür liest man ‚Christian Dreyer Anno 1840‘.“

Das Wohngebäude von 1840 ist als Dreyerscher Hof, Schäferdamm 11, erhalten. Es waren sicher nicht nur die „Segnungen des Friedens“, die so repräsentative Bauten ermöglichten. Ein wesentlicher Faktor war gewiss auch die vergrößerte Ackerfläche, die nach dem Verkauf der königlichen Domäne Wildberg an die Dorfschaft bewirtschaftet werden konnte. So standen Christoph Friedrich Dreyer um 1810 ca. 32 Hektar zur Verfügung, in den Jahren nach 1823 vergrößerte sich der Hof auf 101 Hektar. Von den Wirtschaftsgebäuden existiert noch der später als Schafstall genutzte Bau.

„In Gefahr kam das Gehöft mit den angrenzenden Gebäuden im Jahr 1892 gelegentlich einer Feuersbrunst. Am 27. August nachts um 2 Uhr schlug der Blitz in das Strohdachnest einer Scheune. Scheune, Tierstall und Tagelöhnerhaus wurden ein Raub der Flammen. Dem Besitzer verbrannten 6 Pferde, mehrere Schweine und Federvieh. Das Feuer griff auch auf das alte Lups’sche Gehöft über, welches völlig in Asche gelegt wurde. 120 Schafe, Schweine und Federvieh wurden ein Raub der Flammen. Von späteren Bränden ist insbesondere der Tobiassche Hofbrand in aller Erinnerung.“

Das Brandgeschehen von 1892 liefert zumindest teilweise eine Erklärung dafür, weshalb die Familie Lups, die zu den ältesten Bauerngeschlechtern unseres Dorfes gehörte, zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht mehr in Wildberg ansässig war. Offenbar haben sie ihren Acker verkauft und andernorts neu angefangen. Der Zeitungsartikel gibt überdies Einblick in die enge verwandtschaftliche Verflechtung der Bauernfamilien in Wildberg und Umgebung. Eingeheiratet in die Dreyer-Sippe haben u. a. Frauen aus den Häusern Kruse, Strutz und Kalsow.

© Gerhard Fink

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