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Der slawische Volksstamm
der Tollenser siedelte am Kastorfer See

Der Tollensewinkel gehört zu jenem Teil des europäischen Festlands, der zuletzt seinen Eispanzer verlor. Vor ungefähr 10 000 Jahren führte die zunehmende Klimaerwärmung zum sukzessiven Abschmelzen der Eismassen und setzte eine gewaltige Menge an Schmelzwasser frei. Das Abtauen erfolgte von Süden nach Norden hin, das Schmelzwasser suchte sich seinen Weg Richtung Süden. Unsere nähere Umgebung ist als Folge dieses Prozesses durch eine langgestreckte Schmelzwasserrinne geprägt, die sich gegenwärtig als Seenkette vom Kastorfer See über die Seen von Gädebehn, Mölln, Malin und Penzlin bis zum Lieps deutlich abzeichnet. Es kann als gesichert gelten, dass der Wasserstand in den heute oft von Verlandung bedrohten Gewässern noch vor wenigen Jahrhunderten deutlich höher war – eineinhalb Meter sind im Gespräch.

Der in den klimatisch begünstigten Regionen Europas bereits über 40 000 Jahre ansässige Homo sapiens interessierte sich für die so spät vom Eise befreiten Gebiete erst, als die ersten Wildtier-Herden in der Sommerperiode auf Futtersuche hierher ziehen konnten. Streufunde aus der Mittelsteinzeit belegen, dass Jäger und Sammler diese Wanderungen begleiteten. Sesshaft wurden die Menschen in unserem Raum nach Auswertung der bisherigen Funde erst ab dem 3. Jahrtausend vor Christus. Nachdem sich in den archäologischen Funden keine kulturellen Brüche abzeichnen, darf man annehmen, dass sich hier die germanischen Stämme herausbildeten, die in ersten schriftlichen Überlieferungen der Römerzeit auftauchen: Von Nuitonen, Rugiern und Lemoviern ist die Rede, die um das Jahr 100 nach Christus westlich der Odermündung gesiedelt haben sollen. Dabei handelte es sich um kleinere Gruppen, die vermutlich in der Völkerwanderungszeit in den großen Völkern der Burgunder, Vandalen oder Goten aufgegangen sind und später nicht mehr erwähnt wurden. Die Gründe dafür, weshalb der größte Teil der Germanen zwischen 400 und 500 nach Christus seine bisherigen Siedlungsgebiete im Nordosten verließ, sind nicht eindeutig geklärt. Klimatische Veränderungen und die Verlockung, im Verbund mit mächtigen Volksgruppen im schwächelnden Römerreich klimatisch günstigere Lebensräume zu erobern, mögen eine Rolle gespielt haben. Äußeren Druck durch fremde Völker scheint es nicht gegeben zu haben, denn die slawischen Neusiedler, die ab dem 6. Jahrhundert in Sippenverbänden in das Gebiet zwischen Oder und Elbe einwanderten, kamen mit der vorherigen Bevölkerung kaum mehr in Berührung. Zu größeren Stammesverbänden haben sich die Zuwanderer offenbar erst in der neuen Heimat zusammengeschlossen.

Abbildung 1: Karte aus Europas Mitte um 1000

Im Dreieck zwischen Demmin, Tollensefluss und -see bildete sich der Stamm der Tollenser, der zunächst dem 789 erstmals in den Reichsannalen erwähnten Stammesbund der Wilzen angehörte und nach dessen Zerfall in der Mitte des 10. Jahrhunderts mit den benachbarten Redariern, Kessinern und Zirzipanen die Kult- und Verteidigungsgemeinschaft der Lutizen bildete. Nach außen hin offenbar eine außerordentlich wehrhafte Gemeinschaft, die maßgeblichen Anteil am großen Slawenaufstand von 983 hatte und den Eroberungs- und Christianisierungs-Feldzügen aus dem Reichsgebiet bis ins 12. Jahrhundert hinein hartnäckigen Widerstand entgegensetzte. Die „Innenpolitik“ aber war von hefti- gen Auseinandersetzungen zwischen den Stämmen um die Vorherrschaft im Bund gekennzeichnet. Der Umstand, dass die Stämme mächtige Nachbarn wie die Pommern und die Obodriten als Verbündete in ihre Streitigkeit verwickelten, führte schließlich zur Auflö- sung des Stammesverbandes und zur Unterwerfung durch die Stammesfürsten der Pommern und Obodriten.

Der Archäologe Dr. Volker Schmidt untersuchte die schon länger bekannten Siedlungsplätze an dem eingangs beschriebenen Seen-Verbund zwischen Wolde und Lieps und führte dort zwischen1988 und 1997 Grabungen durch. Unmittelbar nördlich der Wildberger Badestelle identifizierte er eine dreigliedrige Niederungsburg, die sich insgesamt auf einem Areal von 7 Hektar ausdehnte. Nach- dem alle Burgabschnitte bewohnt waren, muss es sich um eine bedeutende Siedlung gehandelt haben. Die Grabungsschnitte durch die Wälle sowie die aufgedeckte Kulturschicht ermöglichten interessante Einblicke in die Entwicklung der Anlage:

Die Hauptburg (links) weist noch heute Wälle bis zu 5 Metern Höhe auf und auch die Wälle der beiden später entstandenen Vorburgen sind noch vollständig erhalten. Anhand der Keramik- funde lässt sich der Baubeginn in das 7. Jahrhundert, die Blütezeit des Siedlungsplatzes ins 8. und in die erste Hälfte des 9. Jahrhunderts datieren. Ein festgestellter Zerstörungshorizont ergab, dass die Anlage um 850 wie fast alle Burgen der wilzischen Volksgruppe zerstört wurde – ob im Verlauf einer innerslawischen Auseinandersetzung oder durch einen Angriff von außen, ist nicht zu ermitteln. Einen Hinweis darauf, dass es sich bei dem Wildberger Siedlungsplatz um ein bedeutendes Marktzentrum auf der Route Hamburg – Demmin – Stettin gehandelt hat und eine adlige Führungsschicht vorhanden war, sieht Volker Schmidt in den aufgefundenen Fragmenten von Import- und Luxusgütern. Nach der Zerstörung ist die Burg wohl nur noch teilweise wieder aufgebaut worden.

Eigentliche Nachfolgebau ist der am Kastorfer Ufer gelegene Burgen-Rundling, der mit ca. 60 m Durchmesser deutlich kleiner konzipiert war und auf engem Raum eine dichte Innenbebauung aufwies. Mehrere Zerstörungshorizonte lassen auf ein wechselhaftes Schicksal der Anlage schließen, die endgültige Zerstörung wird wohl in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts erfolgt sein. In den rund 100 Jahren intensiver Nutzung hat sich eine enorme Kulturschicht von 1,80 m herausgebildet, die unter anderem bronzene Klappwaagen und einen Glas-Schmelzofen freigab. Eventuell zeitlich parallel zur Kastorfer Anlage, vielleicht auch als Nachfolgebau wurde die Insel mit einer Wallanlage gesichert und durch hölzerne Brücken im Süden und im Norden mit dem Festland verbunden. Auch hier wurden Klappwaa- gen gefunden, die ebenso wie der Fund von zahlreichen Schreibgriffeln belegen, dass die Marktfunktion der Siedlungen über alle Krisen hinweg bestehen blieb. Im Hinblick auf angesiedeltes Gewerbe ist das Vorhandensein von 14 Gerbergruben bemerkenswert. Hoch interessant ist das Auffinden von 16 Steckschlüsseln und mehreren Schloss-Fragmenten, die als Hinweis auf Sklavenhandel gedeutet werden können. Auf dem höchsten Punkt der Insel nimmt Volker Schmidt einen Tempel an, dessen silberne Kultgegenstände durch Brandeinwirkung zu Klümpchen geschmol- zen waren. Die Burganlage im Möllner See schließlich wird als Herrschaftssitz der Region gedeutet, der im 10. Jahrhundert – Dendrodaten ergaben das Jahr 944 – ebenfalls in Insellage errichtet wurde und mit einer hölzernen Brücke erreichbar war.

Fundstellen um Wildberg, © Landesdenkmalamt

Beschränkte sich die Ansiedlung der Tollenser ganz auf die Uferzone des Sees? Für die Phase bis 850 hat sich die Wohnbesiedlung wohl tatsächlich am See konzentriert. In späterer Zeit entstanden um die Zentren am See kleine Dörfer und Weiler. So wurde an der ehemaligen Kleinbahnstrecke nach Jap- zow nahe der Gemarkungsgrenze 1980 eine Gruppe von Gehöften entdeckt, (Fundstellen 24 und 15 auf der Karte) die anhand der gefunden Keramik in die Zeitspanne zwischen 850 und 1100 zu datieren war. Auch unmittelbar in der Ortslage Wildberg wurden Funde gemacht, die allerdings keine Hinweise auf eine Besiedlung in der Slawenzeit ergaben.

Abschließend noch zwei Ergänzungen zur Nachnutzung der Niederungsburg am Wildberger Ufer: Der Ausgräber Volker Schmidt vermerkte in einem Grabungsbericht von 1989 Funde, die auf eine kurzzeitige Besiedlung der Burgstelle in der Mitte des 13. Jahrhunderts hindeuten. Es wäre also denkbar, dass die Siedler aus dem Reichsgebiet, die Wildberg gegründet haben, auf dem wallgeschützten Platz quasi ihr „Basislager“ errichtet haben. Für die gesamte Anlage ist noch immer auch die Bezeichnung „Schwedenschanze“ im Umlauf. Dieser Name könnte durchaus auf überliefertem Wissen beruhen. Immerhin bildete das Wildberger Ufer in der keineswegs durchgehend friedlichen Zeit von 1630 bis 1720 die Grenze zwischen dem Reichsgebiet und der schwedischen „Besatzungszone“, und die vorgefundenen Wälle ließen sich auch noch im Zeitalter der Feuerwaffen militärisch nutzen.

Funde aus den Slawenburgen am Kastorfer See:
Bildquelle: Europas Mitte um 1000, Stuttgart 2000

 

© Gerhard Fink

 

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