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1749
Quelle: koepenick.net

Die Preußen waren seit dem Jahr 1720 die Herren im südlich der Peene gelegenen Vorpommern, und der junge Friedrich hatte nach den militärischen Erfolgen in den beiden ersten Schlesischen Kriegen seine Machtbasis gehörig erweitert. Sein Land konnte nun einen Platz unter den europäischen Großmächten beanspruchen. Aber der König war klug genug um zu wissen, dass der neue Riese Preussen noch auf sehr wackligen Füßen daherkam. Der Zugewinn Schlesiens konnte nicht kompensieren, dass sein Reich in großen Teilen ein dünn besiedeltes und wirtschaftlich wenig ertragreiches Land war. In den Friedensjahren zwischen 1745 und 1756 betrieb Friedrich daher nun eine groß angelegte und durchaus vielschichtige Kampagne, um diese innere Schwäche zu überwinden. Schon seine Vorgänger hatten in erheblichem Umfang Neusiedler aus anderen Ländern aufgenommen. Glaubensflüchtlinge aus ganz Europa waren willkommen, und Spezialisten für allerlei Gewerbe oder für die Entwässerung und Eindeichung ganzer Landstriche wurden gezielt angeworben. In Brandenburg-Preußen beobachteten die Regenten schon seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges das stetige Wachstum des Großgrundbesitzes und den damit einhergehenden Verlust an überschaubaren und intensiv bewirtschafteten Höfen mit Familientradition sehr kritisch. Es war allgemeiner Brauch, die zahlreichen durch Kriegsfolgen aufgegebenen Hofstellen einfach zu streichen und das Land dem Großgrundbesitz zuzuschlagen. Riesige Gutsbetriebe waren die Folge. Nachdem aber oft für die Bearbeitung gar nicht genug Personal zur Verfügung stand, war es mit der Intensität der Bewirtschaftung und mit den Erträgen auf den großen Gütern schlecht bestellt. Auch die staatseigenen, die königlichen Domänen hatten mit dem selben Problem zu kämpfen und wurden als reformbedürftig angesehen. Immer wieder machten die Regenten den Versuch, per Erlass die bestehenden Bauernhöfe zu schützen und das sogenannte „Bauernlegen“ – in unserem Sprachgebrauch eher ein „Kassieren“ von Ackerfläche – zu stoppen. Im 18. Jahrhundert bisher eher mit bescheidenem Erfolg. Friedrich II. wollte nun auf diesem Gebiet den Durchbruch erzwingen. Zusammengefasst lässt er folgende Maßnahmen ergreifen:

1) Gezielte Anwerbung von Neusiedlern im Reichsgebiet mit Schwerpunkt Süddeutschland durch Agenten. Mit Versprechungen an die Interessenten war man dabei wohl nicht kleinlich. Die Berufszugehörigkeit und die soziale Situation der angesprochenen Leute spielte dabei keine große Rolle.

2) Groß angelegte Neulandgewinnung durch Waldrodung, Trockenlegung von Sumpfgebieten, Eindeichungen und Anlegen von Poldern (Beispiel Oderbruch) sowie Pegelabsenkungen von Seen (Beispiel Lebasee).

3) Die Aufsiedelung von Teilen der königlichen Domänen und dringende Appelle an die Großgrundbesitzer, an kirchliche Stellen und Städte, auf Teilen ihres Besitzes Neusiedler nicht nur zuzulassen, sondern sie durch Bereitstellung von Gebäuden, von Geräten, Nutztieren und einer Erstversorgung mit Saatgut direkt zu unterstützen. Über einen jährlich fälligen Erbzins sollten die Neuankömmlinge dann diese Erstausstattung zurückzahlen.

1938 veröffentlichte Otto Gebhard den Artikel „Frederizanische Kolonien und Kolonisten in Pommern nach dem Stande des Jahres 1754“ in der Zeitschrift „Familiengeschichtliche Mitteilungen“. Seine Quellen waren Akten des Geheimen Preußischen Staatsarchivs aus dem genannten Jahr. Aus dieser Schrift erfahren wir wichtige Details über die Kolonie Fouquettin, die nach Brüggemann 1749 gegründet wurde.

In den jetzt königlichen Amtsdörfern, die Preußen im südlichen Vorpommern 1720 von den Schweden übernommen hatte, waren verschiedene Bauernstellen „wüst“ gefallen, das heißt, die Bauernfamilien hatten aus verschiedenen Gründen – kriegerische Ereignisse seit dem Dreißigjährigen Krieg, Epidemien usw. – ihre Höfe verlassen. Die verbliebenen Bauern der betreffenden Orte – u. a. auch in Wolkow – bewirtschafteten zwar das Land dieser einstigen Höfe weiter; das Generaldirektorium (eine Art zusammengelegtes Finanz-, Wirtschafts- und Innenministerium in Berlin) ordnete jedoch an, dass diese Stellen mit 50 Pfälzerfamilien besetzt werden sollten. Diese gehörten zu den insgesamt 271 Pfälzerfamilien, die im Herbst 1748 nach Hinter- und Vorpommern zur Unterbringung überwiesen wurden. 42 Familien brachte die Kammer in alten (schon bestehenden) Amtsdörfern unter; für die letzten 8 Familien musste eine neue Siedlung angelegt werden. Dietrich Wolff hat in seinem Vortrag zum 250-jährigen Bestehen von Fouquettin interessante Details genannt: Demnach sollte die Ansiedlung zunächst auf dem Areal der königlichen Domäne Treptow erfolgen. Dagegen setzten sich die Stadt und der örtliche Domänenverwalter zur Wehr und verfassten eine Eingabe an den verantwortlichen Planer des Siedlungsprogramms, den Kriegsrat Winkelmann in Stettin: Treptow könne keine neuen Ansiedler mehr aufnehmen und für eine Neuansiedlung sei kein Platz vorhanden. Überdies könnten die bereits ansässigen Bürger sich von ihrer Hände Arbeit kaum ernähren. Winkelmann reiste nun selbst an und entschied, dass nicht auf Treptower Markung, sondern auf den Flächen des königlichen Vorwerks Wildberg gesiedelt werden sollte. Jetzt sträubten sich die Wildberger Bauern und sicher auch der örtliche Domänenverwalter dagegen, gutes Weideland im „Großen Schafswinkel“ abzugeben. Schließlich einigte man sich auf eine Lösung, die der Dorfschaft akzeptabel erschien, den Neusiedlern aber eine böse Überraschung bereiten musste: Ein minderwertiges Waldstück von 200 pommerschen Morgen (ca. 130 Hektar) wurde als Standort bestimmt. Lediglich 20 Morgen des
„Großen Schafswinkels“ wurden dazugeschlagen. Flächenangaben aus dem 19. Jahrhundert belegen, dass sich aus dieser Zuweisung durch Rodung ca. 105 Hektar qualitativ unterdurchschnittliche Acker-und Wiesenfläche gewinnen ließ. Den acht Siedlerfamilien wurde auf dem Papier jeweils eine Halbbauern-Stelle eingeräumt (10 bis 14 Hektar), in Wirklichkeit aber war es kaum möglich, das tägliche Brot zu erwirtschaften. Otto Gebhard zitiert die Akten aus dem Geheimen Staatsarchiv wie folgt:

Neues Dorf ‚im Wildberger Holz‘, 1751 nach dem bekannten General (Heinrich August de la Motte Fouqué) Fouquettin benannt. 8 Pfälzer als Halbbauern angesetzt. 1. Adam Schneider, 2. Daniel Ösch (schlechter Wirt, jetzt Tagelöhner im Amt Bütow; Mecklenburger Christ. Gentz), 3. Christ. Schüler (+;Mecklenburger Kuphal), 4. Georg Bibian auch Pevian, 5. Josua Bettler (+ ; dessen Stiefsohn Peter Schüler),

6. Hannickel Schneider (entlaufen; Mecklenburger Chr. Öhlstein), 7. Mich. Ribeling, 8. Franz Herzog.

Vier Familien erhielten verwaiste Höfe in Wolkow:

Georg Kronenbach, Heinrich Koch, Michel Bergeler und Heinrich Bernhardt.

Zur Erläuterung: Die Angaben in Klammern vermerken gescheiterte Erstsiedler, verstorbene Erstsiedler (mit dem Zeichen +) und die Nachfolger. Die Bezeichnung „Pfälzer“ ist im übrigen ein Sammelbegriff für alle aus dem Reich stammenden Siedler – Hessen, Württemberger, Sachsen und Badener stellten ebenfalls viele Einwanderer.

Den Neusiedlern musste die königliche Dominalverwaltung die Gebäude, die „Hofwehr“, das erste Saatgut und auch Brotgetreide für die Anfangszeit „vorfinanzieren“. Die Siedler sollten dann über einen nicht veränderbaren Erbzins und über ihre Naturalabgaben und Dienste ihre Höfe abbezahlen. Dietrich Wolff beschreibt die Beschaffenheit der Gehöfte wie folgt: Das Haus wurde in damals üblicher einfachster Bauart aus Holz und Lehm errichtet. Es umfasste unter einem Dach ein Zimmer, eine Kammer, Küche, Speisekammer und Flur, Stall für Pferd und Kuh, Scheune und Kleinviehstall. Jede der Familien sollte (nach wenigen Freijahren) 20 Taler (Erbzins) an die Staatskasse zahlen.

Die neuen Dörfer und Siedlungen wurden häufig nach verdienten Beamten (z. B. Podewilshausen nach Minister Podewil), Militärs (Fouquettin nach Heinrich August de la Motte Fouqué) oder Mitgliedern der Königsfamilie (Wilhelminen nach der Schwester Friedrichs II.) benannt. Diese Namen stellen also eine besondere Art der Ehrung dar und sagen nichts über die Besitzverhältnisse aus.


Der Artikel von Otto Gebhard beruht hauptsächlich auf einem Dokument aus dem Jahr 1754, dessen Existenz von den enormen Schwierigkeiten zeugt, die bei der Umsetzung von Friedrichs Plänen aufgetreten sind. Sie hatten ihre Ursache nicht nur in der oft nicht vorhandenen Eignung der geworbenen Siedler, die z. B. als Handwerker und Stadtbewohner mit den Aufgaben eines Kolonisten und Landwirts heillos überfordert waren, sondern auch in der mangelnden Bereitschaft der bisherigen Landbesitzer, die Neuankömmlinge nicht nur zu dulden, sondern durch Bereitstellung von Gebäuden, Gerätschaften usw. auch aktiv und entsprechend kostenträchtig zu unterstützen. Die adligen Gutsbesitzer leisteten gegen die königlichen Befehle ebenso hinhaltenden Widerstand wie die königlichen Dominalämter und die sogenannte Kriegs- und Domänenkammer in Stettin. Die macht- und bevölkerungspolitischen Überlegungen Friedrichs, der eben „ausländische“ Siedler bevorzugt sehen wollte, waren ihnen fremd, das Hemd näher als der Rock. Wenn schon Aufsiedlung, dann sollten nach der Meinung der Gutsherren und der regional zuständigen Beamten in erster Linie Landeskinder „angesetzt“ werden, deren Eignung man überprüfen konnte und die mit den pommerschen Verhältnissen vertraut waren. Friedrich ließ dies aber nur zu, wenn zuvor die Versuche mit fremden Kolonisten gescheitert waren. So nimmt es nicht Wunder, dass für viele der Neuankömmlinge Pommern nicht das Land war, in dem Milch und Honig fließt. Entsprechend häuften sich die Klagen der Neusiedler, die sie dem König direkt vortrugen. Als die Beschwerden Überhand nahmen, befahl Friedrich in barschestem Ton der Kriegs- und Domänenkammer in Stettin, die Verhältnisse in den pommerschen Neusiedlungen gründlich zu untersuchen und Missstände abzustellen. Wenn dies nicht in der befohlenen Weise geschehe, dann drohe ein königliches Donnerwetter der geharnischten Art: „So werden seine Königliche Majestät alsdann ohnfehlbar andere von hieraus immediate hinsenden, die obenerwähnte Sachen und wie die Commission in solcher procedieret hat, gründlich recherchiren und davon berichten sollen, da dann diejenigen, so darunter Pflicht und Ehre vergessen haben, sich zum voraus die Rechnung machen können, auf was für nachdrückliche Art ihr pflicht- und ehrvergessenes Verfahren an ihnen reßentieret werden wird. Ins heutige Deutsch übersetzt: Wenn die Verhältnisse nicht gründlich und ehrlich untersucht werden, wird der König eine eigene Kommission entsenden und für den Fall, dass dann Fehlverhalten festgestellt wird, ist mit strengster Bestrafung der Verantwortlichen zu rechnen. Der strikte Befehl vom 6. Juni 1754 bewirkte die Bildung einer Kommission, die bis in den Herbst hinein alle Kolonisten aufsucht und ihre Befindlichkeit erkundet und in einem Bericht dokumentiert. Diesem Bericht vor allem verdanken wir die Kenntnis von der schwierigen Situation der Kolonisten in Fouquettin.

Die Bestandsaufnahme war wirklich dringend nötig und deckte schwere Mängel auf – auch in Fouquettin. Zwei der Kolonisten waren innerhalb der ersten vier Jahre bereits verstorben, zwei weitere an ihrer Aufgabe offensichtlich gescheitert. Selbst wenn wir die Todesursache der beiden Pfälzer nicht kennen, es kommt unweigerlich der Kolonistenspruch „Dem Ersten der Tod, dem Zweiten die Not, dem Dritten das Brot“ in den Sinn. In dem Bericht der Kommission wird für Fouquettin eine Dauersenkung des Erbzinses vorgeschlagen. Der Ertrag aus den Hofstellen war also so bescheiden, dass die festgelegten Zahlungen nicht oder nicht in voller Höhe geleistet werden konnten. Die Feldflur, die den Neusiedlern zur Verfügung gestellt wurde, war eben von sehr geringer Qualität. Noch 110 Jahre nach der Siedlungsgründung beurteilt Dr. Heinrich Berghaus in seinem „Landbuch“ (siehe Zeitfenster 1865) den Fouquettiner Acker: Der Feldmarks-Boden ist kaum mittelmäßig zu nennen, meistens in Niederungen gelegen und gibt viel Quellwasser…Die Wiesen sind mit wenigen Ausnahmen einschurig und werden weder be- noch entwässert. Drainierung ist noch nicht versucht worden. Die ärmlichen Verhältnisse haben sich offensichtlich auch noch im folgenden Jahrhundert nicht gebessert, denn die nicht angefangene Drainage war sicher in erster Linie eine Folge des Geldmangels.

Der Gesamterfolg von Friedrichs Siedlungswerk war in Pommern eher bescheiden. Gebhard gibt an, dass insgesamt 5000 „Ausländer“ dauerhaft ansässig wurden.

© Gerhard Fink

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